Ausstellung

Zheng Mahler: A Season in Shell

21.1.2014 bis 8.4.2014 | Johann Jacobs Museum

Das vergangene halbe Jahr verbrachten der KĂŒnstler Royce Ng und die Anthropologin Daisy Bisenieks mit einer Feldforschung in den Chunking Mansions, einem informellen Handelszentrum afrikanischer GeschĂ€ftsleute und Asylsuchender in Hongkong. VerknĂŒpft haben sich ihre kĂŒnstlerischen und wissenschaftlichen SubjektivitĂ€ten insbesondere mit dem „Bullen“, einem somalischen GeschĂ€ftsmann, der die Red Sea Trading Company leitet.

A Season in Shell, die Ausstellung im Johann Jacobs Museum, verdankt sich der Zusammenarbeit mit dem „Bullen“. Dieser ließ fĂŒr Ng und Bisenieks seine Kontakte nach Somaliland spielen, so dass die beiden zwei Tonnen Abaloneschalen erwerben konnten (die rosarote Abalone, auch Seeohr genannt, ist eine delikate Schnecke, deren perlmuttreiche Schale einer Ohrmuschel Ă€hnelt). Nach dem Ende der Ausstellung wandern die Schalen nach China weiter, um zu Perlmutt veredelt bei lokalen Juwelieren oder als Zierrat von Schweizer Uhren zu enden.

A Season in Shell studiert den Weg der Abalone, die von einer somalischen Fischerkooperative gefangen wurden, die sich das Abalonetauchen am Leitfaden japanischer HandbĂŒcher selbst beigebracht und inzwischen ĂŒber 600 Tonnen Schneckenfleisch nach Hongkong geliefert hat. Daneben haben die Fischersleute eine zweite Handelsroute eröffnet, auf der die wertvollen Schalen reisen: von Berbera ĂŒber Dubai nach China, wobei diese Route fĂŒr A Season in Shell nach ZĂŒrich abgezweigt wird, um das Johann Jacobs Museum als Knotenpunkt einer globalen Wertschöpfungskette zu adeln.

Im Rahmen einer Performance wird ein chinesischer Chef das Schneckenfleisch zubereiten. Dieses Dinner findet inmitten der physischen Überreste, der leeren Schalen statt, und gedenkt der entfremdeten Arbeit und Dekadenz, die jeder globalen Wertschöpfungskette innewohnen.

 

Veranstaltungsprogramm

A Season in Shell

von Daisy Bisenieks
Innerhalb und Außerhalb von Sinn

Ich fĂŒhre ein Wanderleben
Obwohl ich mich fĂŒhle als bliebe ich verankert
Ich trage meine pockennarbige RĂŒstung, diese schwergewichtigen
Annalen, den Muskel, der sich spannt,
mit dem ich mich festklammere
an den Felsgrund
Ich rage aus der Mondlandschaft der Ozeantiefe
suche meine Umgebung ab
Meine Augen atmen und tauchen ein
wĂ€hrend die FĂŒhler zu Teleskopen werden
Doch unter all meinen Buckeln
Wirst Du ein Kaleidoskop finden
Spuren
Entlang milder Strömungen, Haufen von Resten,
von Handelswaren
eingeflossen in unbekannte KanÀle, Teil geworden
Auslöser fĂŒr neue, kĂŒnftige Formationen
Alles was ich weiß ist, dass ich diese GewĂ€sser kartieren muss
Der Verstand diktiert mir in Bewegung zu bleiben

Der sĂŒĂŸe Duft von Aas
Aus Zusammenstoß und Zerfall entsteht ein unwiderstehlicher Sog, der die peripatetischen Wesen erfasst, findet neue Beine, wird mobil. Mit rasender Geschwindigkeit dreht sich der Wasserstrudel, wird zum Kompass, der ihnen die Richtung weist und sie nĂ€her dorthin bringt, wo sie ĂŒberleben können, wĂ€hrend er sie verschlingt.

Wir trafen den Bullen in einem Chinaladen. Der Laden war voll mit Fremden, mit Menschen im Exil oder auf Durchreise. Alle bewegten sich vorsichtig, um das Porzellan durch ihre Anwesenheit ja nicht zu erschĂŒttern. Der Bulle ist ein wohlartikulierter Gentleman, der rasch ungeduldig wird und mit Literatur bewandert ist. Geboren wurde er am Horn von Afrika, in einer Familie von Dichtern, als Sohn eines Armeegenerals. Die Kindheit verbrachte er in Saudi-Arabien, wo er auf die gleiche Schule ging wie Osama bin Laden. Nach seiner RĂŒckkehr wurde er zum Nationalisten. Als die koptischen Flaggen den Weißen Stern auslöschten, tat er was jeder Nationalist getan hĂ€tte: er wandelte sich zum VerrĂ€ter. Er begann der Armee Raketen zu verkaufen, „damit wir die Schweinehunde aus dem Land jagen können“. Damit erinnerte er uns an einen Dichter, der vor 150 Jahren gelebt hat – in einer Art selbstverordnetem Exil. Dieser unternehmenslustige Nomade zog kreuz und quer durch die WĂŒste und verkaufte einst 2000 Remingtons an Menelik II. Mit diesen Gewehren wurden die italienischen Kolonialherren in Adwa getötet. Siebzehn Jahre lang trieb er im Yemen, in Somalia, Djibouti und Eritrea Handel mit Elfenbein, Waffen und Munition. Auch der Bulle handelt mit HĂŒlsen, doch sind die nicht aus Metall. Zu seinen großen Talenten gehört, Verbindungen herzustellen. Zum Beispiel solche Verbindungen, durch welche die „Kakerlaken des Meeres“ zu den höchsten kulinarischen, ja aphrodisischen Gipfeln in Asien und Europa emporgefĂŒhrt werden – jenen Gipfel, auf denen die Flaggen des gesellschaftlichen Status flattern. Daneben dienen sie noch der Ă€sthetischen Zierde. Der Bulle erinnert sich wie die Omanis 100 Dollar pro Kilo zahlen wollten, und wie glĂŒcklich die Fischersleute ĂŒber das Angebot waren. FĂŒr sie war das Geld, dass sie mit dem Sammeln von „MĂŒll“ leicht verdienen konnten. Die Omanis aber verkauften die stillen Mollusken an die FischhĂ€ndler aus Hongkong weiter: fĂŒr 600 Dollar das Kilo. Dann aber schlug der Bulle zu. Die Preise wurden angepasst und eine neue Industrie entstand, angeleitet durch japanische Ama-Hörkassetten. Bald schon waren die Omanis vom Meer gefegt und die Fischersleute kamen zu Geld. So dreht man die Dinge.

Schale werden
Einige verbringen viel Zeit damit ein ideales Heim aufzuspĂŒren, um sich verwandeln zu können. Anderen erscheint der nĂ€chstliegende Fels gerade recht.

Der Bulle verriet uns eines Tages, dass es „eine Zeit gab, in der ich nichts weiter wollte als in einem StĂŒck zu sterben“. Er hatte Kampala nur einen Tag vor einer Bombenexplosion in Kabalagala verlassen. Jemand hatte ihm den Tipp gegeben abzutauchen und so geriet er in KanĂ€le, die ihn zu neuer Beute fĂŒhrten. Herausgekratzt und getrocknet. Schlafend fand er sich am Flughafen von Dubai in einer Ecke wieder. Mehr GlĂŒck, so dachte er, wartet vielleicht auf einer Insel im sĂŒdchinesischen Meer.

Muskel werden
Dem Sich-Niederlassen folgt oftmals eine Phase des Suchens. Die Suche gilt einem Ort, der dem Verwandlungsprozess förderlich ist.

Aufgrund seines Exilstatus in Hongkong besaß der Bulle keine Arbeitserlaubnis. Aber wenn man zum Hörer greift und jemanden in China anruft, bei dem man Waren bestellt, fĂŒr die jemand in Dubai bezahlt, wĂ€hrend die Waren in den Sudan geschifft werden – hat man dann „gearbeitet“?

Es ist spĂ€ter Nachmittag; ich sitze mit dem Bullen in einem Luxushotel. Wir treffen einen Ă€lteren somalischen GeschĂ€ftsmann. Dessen persönliche Geschichte und LebensumstĂ€nde könnten nicht gegensĂ€tzlicher als die des Bullen sein. Er ist da, wo der Bulle sein möchte. Maßanzug, frischgebĂŒgeltes Hemd, einen Espresso schlĂŒrfend. Sonnenstrahlen dringen durch feine Kratzer in den getönten Scheiben der Hotellobby. Das Licht spiegelt sich in den BrillenglĂ€sern des Bullen, wĂ€hrend der andere auf seine Rolex schaut. Er bemĂŒht sich als erfolgsverwöhnter Macher zu erscheinen, der sich von der entsetzlichen Langeweile ablenken muss, die ihm der Erfolg beschert. Dank der Macht seines Anzugs wird er tatsĂ€chlich zu dem, der zu sein er vorgibt. Hinter uns sitzt ein beleibter Gentleman aus dem Nahen Osten beim High Tea, in Gesellschaft eines unterwĂŒrfigen Kollegen. Er verschlingt kleine Sandwiches und KĂŒchlein, deren KrĂŒmel zwischen seinen dicklichen Fingern hĂ€ngenbleiben. Das GesprĂ€ch an unserem Tisch kreist um die Vertriebswege asiatischer Waren nach Nordafrika und um die Herren dieser Vertriebswege. Mir fĂ€llt auf, dass der Bulle mit seinen Ohren woanders ist: bei der Konversation hinter uns. Als er den richtigen Zeitpunkt gekommen sieht, steht er auf, geht rĂŒber und stellt sich vor.

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Ladung
Aus den trĂŒben Meerestiefen in die DĂŒsternis der ContainerladerĂ€ume. Ich werde abgepflĂŒckt, ausgenommen und verfrachtet; ich werde verdammt, verschickt und serviert. Ich bewege mich nicht mehr selbst, sondern bin Teil eines Ablaufs, der mich von Welt zu Welt fĂŒhrt. Das Taxometer tickt unterdessen; jedes Knarren und Schlingern bringt mehr Geld. Ich bin getötet worden, doch wird mir ein Leben zuteil. Das verbringe ich in den Adern und Zellen irgendeines Biests, das unersĂ€ttlich ist.

„Ich bin ein Asylbewerber in Hongkong, ein Folteropfer, doch meine GeschĂ€ftspartner wissen das nicht.“
„Was glauben die, wer Du bist?“
„In ihren Augen bin ich der Sohn eines hochdekorierten Armeegenerals aus Somalia, der als regionaler Manager ihrer Minengesellschaft tĂ€tig ist.“
„Was ist dann das Problem?“

„Naja, ich habe zwölf gebrauchte Raupenbagger aus Japan bestellt, obwohl der Zoll in Sudan nur die Einfuhr neuer GerĂ€te zulĂ€sst. Also habe ich die Maschinen auf dem Weg nach Hongkong aufmotzen lassen. Jetzt lagern sie im Hafen von Aberdeen [in Hongkong] und warten darauf verschifft zu werden. Heute nun bekam ich einen Brief von unserer Bank, in dem stand, dass sie unser GeschĂ€ftskonto kĂŒndigen. Ich bekam einen Panikanfall und klappte auf offener Straße zusammen. Das Geld und die Waren mussten auf den Weg gebracht werden, also gingen wir zu der Adresse, die auf dem Brief stand. Wir fanden aber bloß ein Lagerhaus, voll mit Computern. Wir gingen dann zur Bank, doch diese Schweinehunde weigerten sich zu erklĂ€ren, was genau Sache ist. Sie meinten nur, dass es irgendetwas mit der NationalitĂ€t des Kontoinhabers zu tun habe. Ich vermute mal, es liegt an den Wirtschaftssanktionen gegen den Nordsudan, die im Juli 2012 erneuert wurden. Dazu kommt, dass sich die Bank noch immer nicht von der Strafe erholt hat, die ihr wegen Mithilfe bei der GeldwĂ€scherei mexikanischer Drogenkartelle aufgebrummt wurde.“

Es ist ein grauer, beklemmender Tag. UnertrĂ€gliche SchwĂŒle hat sich in der klaustrophobischen Enge der Hochhausschluchten eingenistet. Alles am Körper klebt als wir durch die Straßen von Central stĂŒrmen. Wegen der StöckelabsĂ€tze und klammen Strumpfhosen beginnen sich Blasen an den FĂŒĂŸen zu bilden und zu schmerzen. Der Wunsch ans Ziel zu kommen vermischt sich mit dem BedĂŒrfnis, der stickigen Luft zu entfliehen. Wir stolpern erst ĂŒber groben Kies und schliddern dann durch die marmorvertĂ€felten, eisgekĂŒhlten KaninchenstĂ€lle der Lobbies, um den Bullen zu treffen. Wir treffen ihn in Gesellschaft eines Wahrsagers in Bankangelegenheiten, der mit ein paar vagen Hinweisen, aber keinen Gewissheiten aufwartet. „Diese Schweinehunde, diese Rassisten, sie werfen mir einen Blick zu und dann schĂŒtteln sie den Kopf. Deshalb können GeschĂ€ftsbeziehungen zwischen China und Afrika nie funktionieren. Ich möchte, dass Ihr beide mitkommt zur Bank. Du siehst aus wie ein Einheimischer und Du bist eine Weiße. Sie können Euch nicht so abservieren, wie sie das bei mir konnten.“ Der Bulle treibt durch all diese Reservoirs, es schmerzt gewaltig, bis seine HĂ€ute fester werden, bis sich die erste kleine Atemöffnung auftut.

Gehandelt

Die MĂ€rkte der SchwellenlĂ€nder fristen schon lange kein unterentwickeltes Dasein mehr am Rande der Weltwirtschaft. Sechs Tonnen Abaloneschalen werden zu einer Fabrik in Guangdong geliefert, wo die Arbeiter das schillernde Schaleninnere polieren und in kleine Teile zerbrechen. Die Reste werden zu einem kreidigen Pulver vermahlen. Unterdessen tragen indische MittelsmĂ€nner das getrocknete, glasige Muskelfleisch, dessen Farbe an reife Grapefruit erinnert, an die TĂŒren der unzĂ€hligen Fischrestaurants. FĂŒr ihr Gut erzielen sie einen stolzen Preis, so als ob die Ware fangfrisch aus den Netzen somalischer Fischersleute kĂ€me. Dieser letzte Transport ist aber bloß ein Zwischenspiel vor dem eigentlichen Akt der Beseelung, wenn nĂ€mlich die wĂ€ssrigen Muskeln in die Arterien und brennenden GedĂ€rme der Metropole eingespeist werden.

Schnell wird aus uns BĂŒromobiliar einer aufstrebenden ostafrikanischen Bergbaugesellschaft. Untergebracht in einer alten Textilfabrik, die sich in ein Labyrinth halbversteckter BĂŒros von DiamantenhĂ€ndlern, DiĂ€tberatern und StoffhĂ€ndlern verwandelt hatte, war der große Raum zunĂ€chst leer. Der Eindruck einer verwaisten ArbeitsstĂ€tte verliert sich aber bald. Der Bulle hat kurzerhand die gesamte BĂŒroeinrichtung einer im Auszug begriffenen Firma im Stock drĂŒber gekauft, nachdem er gehört hatte, dass die Bankmanager am nĂ€chsten Tag bei ihm vorbeischauen wollen. Er lĂ€dt seine Freunde ein und zahlt ihnen einen guten Preis nur dafĂŒr, dass sie an den gebrauchten Plastikfurniertischen sitzen und auf den Tasten der Keyboards klimpern, wĂ€hrend der Bulle die Manager zur Regelung ihrer geschĂ€ftlichen Angelegenheiten in seinem PrivatbĂŒro empfĂ€ngt. Schnell lernen wir die Kunst, Anschein zu erwecken. SpĂ€ter schleppt er mich in einen Möbelladen und entscheidet: „Du weißt am besten, was wir im BĂŒro brauchen“. Ich bin zur somalischen „Ersatzfrau“ geworden, die Möbel fĂŒr das „traute Heim“ aussucht. Anders allerdings als die Frau, mit der er einst verlobt war, werde ich mich mit der „Mitgift“, die der Einrichtung der hochzeitlichen Bleibe zugedacht ist, nicht nach Kanada absetzen. Bei IKEA streiten wir uns ĂŒber Beleuchtungsfragen. „Im BĂŒro ist Licht das Allerwichtigste“, behauptet er. Das grelle Licht, das durch Spiegel noch verstĂ€rkt wird, blendet ihn, wĂ€hrend wir uns einen Weg durch die vollgerĂ€umten GĂ€nge bahnen: ein Hase, der vom Scheinwerferstrahl erfasst wird. „Lass uns was mit Spiegeln machen“, schlĂ€gt der Bulle begeistert vor.

Mit unseren 200 Visitenkarten samt Schreibfehlern und erfundenen Titeln gelangen wir in den Flussoberlauf. Der offizielle Anstrich ist eine Vorsichtsmaßnahme, denn in dem Moment, wo man seine IdentitĂ€t aufgibt, beginnen die Unsicherheiten. Eine Unwahrheit hat die nĂ€chste zur Folge, die wieder die ĂŒbernĂ€chste nach sich zieht. Das alles tĂŒrmt sich immer weiter auf, bis das Gesetz, so wie es niedergelegt ist, jegliche Bedeutung verloren hat. Alles ist vorbereitet fĂŒr die Ankunft des Direktors aus Somalia. Die Bank ist ihrerseits bereit, das Konto zu eröffnen, es gilt aber noch eine wichtige formale Voraussetzung zu erfĂŒllen: der Wohnsitznachweis des KontoeigentĂŒmers muss erbracht werden. Das Problem daran ist, dass es in Uganda, dem Heimatland des Direktors, die bĂŒrokratische Institution der „Adresse“ nicht gibt. Der Bulle, einerseits ungeduldig, andererseits auf der Hut, nur keinen Argwohn zu erregen, meint: „Kein Problem“. Vor versammelter Mannschaft blickt er mir in die Augen und sagt: „Du kĂŒmmerst Dich darum“. Was mir der Blick bedeuten soll, weiß ich genau. Ich soll losziehen und mein kĂŒnstlerisches Talent unter Beweis stellen, indem ich einen ugandischen FĂŒhrerschein fĂ€lsche, der dann als Adressennachweis dienen kann. Ich studiere eingehend die Muster und Farben, die sich unter dem Text eines ugandischen FĂŒhrerscheins entlangziehen. WĂ€hrend ich mich in die Details vertiefe, beginnt mein Auge am Wellenmuster entlangzuwandern und verliert sich in der Schönheit der LinienfĂŒhrung. Bald beginnen die Linien mit mir zu sprechen. Die winzigen Buchstaben wiederum verschwimmen zu Millionen Augen, die mich beobachten. Ich bekomme ein flaues GefĂŒhl im Magen. „Lass uns lieber ein BĂŒro in Singapur eröffnen“, meint der Bulle, wĂ€hrend er seine Hand ĂŒber einen Tisch im Ausverkauf streifen lĂ€sst. Es ist Zeit, an Boden zu gewinnen wie ein Muskel, der sich am Felsen festzukrallen versucht.

Verfeinert, nachbearbeitet

Der Bulle hat sich einen neuen Mantel zugelegt
dicker tweedartiger Stoff, senffarben, und er macht darin
eine gute Figur
Er bewegt sich durch die dichtgedrĂ€ngten Straßen, grelle
Neonzeichen hoch oben an den Fassaden weisen ihm die Richtung
Strahlende, buntfarbige StĂŒcke
Wie Muschelschalen, die ihren Weg in Uhren finden oder Ketten,
die sich um einen schlanken Nacken legen
Mit jeder Wendung wird ein neuer Stein gesetzt
Stein um Stein ergeben einen Pfad, diesen zufÀlligen Pfad,
der vorwĂ€rts fĂŒhrt
Wo die nÀchste Form unbekannt ist
Wie sein Sesam, das erst eritreischen, dann chinesischen, dann israelischen Ursprungs ist.
Wir diskutieren die Vertriebswege von Konservendosen, wÀhrend wir Pasta essen.
Ein Strom von Zylindern fließt in den Nahen Osten und nĂ€hrt die Region
Und die Augen richten sich auf lokale Milchrivalen, die verdunsten
Ich rĂŒhre meinÂ ç†±ć„¶èŒ¶ um
„Um uns nun der weißen Kuh zuzuwenden…“, beschließt er seine AusfĂŒhrungen voller Zuversicht.
All diese unsichtbaren Wege, die er zwischen den Kontinenten anlegt
Die Strömungen ĂŒberquerend
Er ist auch ein Handwerker, repariert Uhren, fÀdelt Perlen ein, poliert Steine
Ein Dirigent, der weiß, was sich in jedem Ding, an jedem Ort verbirgt
Er bittet mich, dem Bergbauminister im Jemen einen Brief zu schreiben
Mit dem verwegenen Vorschlag ihm die Exklusivrechte als Broker fĂŒr Investoren in
der Region einzurÀumen
Mit dem Gesicht eines Einheimischen gekennzeichnet sind wir alle zu Perlen
einer Kette geworden
Bald wird das heißen, dass das Spiel eine Wendung genommen hat
Diese Woche feiern wir die Geburt eines KĂ€lbchens
Von einem der Kamele, die der Bulle in Somalia hÀlt
Und die ĂŒberraschende Verlobung seiner jĂŒngsten
Schwester
Mobiltelefone werden als Geschenke verschickt, Verbindungsglieder fĂŒr
Getrennte Liebende
Zwei Familien werden so verknĂŒpft, die bald zusammen kommen
Doch der Bulle fĂŒhlt sich nicht wohl beim Feiern, denn
Seine Rolle wandelt sich
Dennoch kann er nicht anders als lachen
Dies ist tatsĂ€chlich ein glĂŒcklicher Moment.

GeschmĂŒckt und verzehrt

„Ja, hallo?“ lautet der Slogan des Bullen.
Wir sind zu einem funktionstĂŒchtigen BĂŒro geworden, das seiner eigenen
inneren Uhr folgt.
Und eine juwelenbesetzte Institution krönt unsere tÀgliche Arbeit
Es ist die Mutter aller Perlen
Und trĂ€gt ein Versprechen in sich, das sich durch das SchlĂŒrfen der wertvollen Muskelsuppe erfĂŒllt
Vermischt mit dem Glauben, dass die Suppe kranke Augen heilen kann.
Der Bull ersehnt sich eine neue Haut
Einen neuen Pass
Einen neuen Mantel, der nach innen und außen wirkt
Unterdessen lÀuft das GeschÀft weiter, doch nicht
ohne dass Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.

Seltsamerweise werde ich öfter fotografiert, wobei der Fotograf anschließend verschwindet. Ich frage mich, ob wir beschattet werden? „Wahrscheinlich existiert schon eine Akte ĂŒber Dich, schließlich bist Du eine Fremde, die hĂ€ufig die Chungking Mansions besucht.“ Der Bulle verrĂ€t mir, warum er es sich zur Gewohnheit gemacht hat unauffĂ€llig, aber regelmĂ€ĂŸig ĂŒber die Schulter die Menge hinter seinem RĂŒcken zu fotografieren. „In Uganda hatte ich einmal das seltsame GefĂŒhl verfolgt zu werden. Ich fuhr Motorrad und, tatsĂ€chlich, da war jemand hinter mir her. Seitdem bin ich auf der Hut…“, erinnert er sich. Vertrauen ist wahrlich die letzte Bastion. SpĂ€ter sind wir in eine Diskussion ĂŒber gemeinsame Bekannte vertieft und ĂŒberlegen, wem man trauen kann. Die ÜbergĂ€nge zwischen Paranoia, Misstrauen, Instinkt und Vernunft sind fließend. Der Hawala-Angestellte aus Dubai wollte mich sprechen und wir erschraken beide ĂŒber unseren gemeinsamen australischen Akzent.

„Warum wollen Sie das Geld mit uns verschicken und nicht mit einer Bank?“
„Ich muss Geld von Australien nach Hargeisa schicken und bekam den Rat, das mit Ihrer Hilfe zu tun.“
„Um welchen Betrag geht es denn?“
„10.000 US-Dollar.“
„Wir sind nicht wettbewerbsorientiert. Gewöhnlich versenden wir kleinere BetrĂ€ge. Was sind Sie von Beruf?“
„KĂŒnstler.“
Schweigen.

Eine Zeit in der Schale

Vom Inselregen bekam ich Fieber und wĂ€hrend ich den ganzen Tag im Bett liege, sehe ich nur Muschelschalen. Hunderte, Tausende, Millionen dieser BauchfĂŒĂŸler, die vor meinen Augen treiben und sich vermehren, sonderbare Kreaturen mit FĂŒhlern und Antennen, die in Felsen hausen. Ich sehe Muscheln, die ĂŒber den dĂŒsteren Meeresboden wandern, die, in Sackleinen verpackt, im nĂ€chtlichen Bauch eines Schiffes ruhen oder zwischen den Lagerhallen von Berbera, Dubai und ZĂŒrich verschoben werden. Und dann sehe ich uns und den Bullen in den schummrigen Umrissen von Zellen. Eine Stimme, welche die Fiebernebel durchdringt, rĂ€t mir sofort ans Telefon zu gehen.

Schulden eintreiben

Der Bulle, sich die HĂ€nde reibend, schlĂ€gt humorig vor: „Warum gehen wir nicht Schulden eintreiben?“ Wir treten ins BĂŒro ein ohne anzuklopfen. Es ist dunkel, leer, unordentlich. Ein Mann sitzt allein an einem Schreibtisch am Ă€ußersten Ende des Raums, vertieft in das Bild einer kantonesischen Sirene auf seinem Telefon. Er reagiert nicht auf unser Eintreten. Als wir an ihn herantreten und sich unsere Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen, fragt der Bulle: „Wo ist Dein Boss?“. Der Mann antwortet nicht.
„Ok, dann lass mich ihn anrufen… diese Nummer stimmt nicht.“
Der Mann drĂŒckt dem Bullen ein Telefon in die Hand, ohne ihn dabei anzusehen. Ich halte mich im Hintergrund, schaue aus dem Fenster und tue mein Bestes, nicht bedrohlich zu wirken.
„Wo ist der Rest von meinem Geld?“
Eine unverstÀndliche Stimme klingt aus dem Hörer.
„Ok, ok, ich komme spĂ€ter wieder… Sag Deinem Boss er soll das Telefon in Ordnung bringen lassen“.
Wir wenden uns zum Fahrstuhl um.
„Ich sag Dir was, ich gab diesem Typen aus Tansania, der seit 12 Jahren in Hongkong lebt, ich gab ihm 20 Kilo Abalone, damit er einen KĂ€ufer fĂŒr mich findet, und der Typ ruft mich an und sagt, dass er die Ware in einem Taxi vergessen hat. Diese Leute sind alle Verbrecher, die haben alle so eine GefĂ€ngnisvisage, sind alles Schweinehunde! Darauf sag ich ihm, dass er mir 20.000 Dollar schuldet. Es hat mich dann 6 Monate gekostet, dass er 8.000 Dollar als Schuld akzeptiert. Ich musste ihm nachgehen, herausfinden, wo er wohnt. Musste ihm zu verstehen geben, dass ich in einer ausweglosen Lage bin und ihm leicht etwas antun könnte. Dann zahlt er.“