Ausstellung

Lebenslinien

3.4.2021 bis 27.6.2021 | Johann Jacobs Museum

> Lebenslinien in der Online Gallery

«Lebenslinien» heisst ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt mit offenem Ausgang. Im Mittelpunkt stehen die Biographien einiger junger Menschen, die in den vergangenen Jahren als FlĂŒchtlinge in die Schweiz gekommen sind und heute hier zur Schule gehen. Die Ausstellung folgt den verschlungenen Pfaden ihrer Reise, begnĂŒgt sich aber nicht mit der blossen NacherzĂ€hlung individueller Schicksale.

«Lebenslinien» ist eine kartografische Übung, parallel zum offiziellen Lernstoff. Die SchĂŒler_innen vermessen das reale und imaginĂ€re Terrain, das sie durchquert haben: KriegsschauplĂ€tze im Nahen Osten oder in Afghanistan, GrenzrĂ€ume (doch nicht nur physische Grenzen wie Mauern und ZĂ€une, sondern auch Grenzen des Vorstellungsvermögens). Zur Reiseerfahrung gehören ausserdem Begegnungen: mit Menschenschmugglern, humanitĂ€ren Helfer_innen, mit Leuten, die mit all dem nichts zu tun haben wollen, und anderen mehr.

«Lebenslinien» ist eine Frucht des Lockdowns. Als im MĂ€rz die Schulen schliessen mussten, wollten die SchĂŒler_innen die relative Isolation nicht akzeptieren. Sie wendeten sich an ihren Lehrer, den Schweizer KĂŒnstler Walter Riedweg, der die «Integrationsklasse» in Volketswil unterrichtet. So entstand die Idee, der Frage «Wo kommen wir her?» gemeinsam nachzugehen. Riedweg wiederum wandte sich an das Johann Jacobs Museum, um der Recherche und Aufbereitung der «Lebenslinien», die online und in Zoom-Konferenzen erfolgt, eine kuratorische Plattform zu geben: im analogen Raum.

«Lebenslinien» besteht aus Bildern und Musik, aus Erinnerungen, Tönen und GerĂŒchen, aus GesprĂ€chen mit Freunden, Eltern oder Grosseltern, aber auch aus Fiktionen, WĂŒnschen und Phantasien, die ĂŒber die Laufzeit (von November bis April 2021) gesammelt, zusammengestellt und verwoben werden.

Dazu treten Werke zeitgenössischer KĂŒnstler_innen, wie Ai Weiwei, Maja Bajevic, Giulio Bensasson, Ishita Chakraborty, Axel Crettenand und anderen, die von der Begegnung zwischen dem (kleinen) Individuum und der (grossen) Geschichte handeln, sowie ein Beitrag ĂŒber Ibn Battutah, den legendĂ€ren arabischen Entdeckungsreisenden des 14. Jahrhunderts, der das KunststĂŒck vollbrachte Geschichte zu schreiben, wĂ€hrend er Geschichte «machte».

Das SchĂŒler_innenprojekt von Dias & Riedweg trĂ€gt den Titel «weg-zurĂŒck-da»; die Ausstellung «Lebenslinien» wird kuratiert von Francesca Ceccherini und Roger M. Buergel, und vom Istituto Italiano di Cultura Zurigo unterstĂŒtzt.

 

Titelbild: Parcours -2 Dias & Riedweg / Paris 2005. Mit freundlicher Genehmigung des KĂŒnstlers.

Veranstaltungsprogramm

  • 20.6.2021 15:00 Uhr
    GesprÀch
    Mit Yann Stricker und Roger M. Buergel
  • 27.6.2021 15:00 Uhr
    ThemengesprÀch
    Mit Eliana Sousa Silva, Margherita Moscardini, Li Mu, Dias & Riedweg, Francesca Ceccherini und Roger M. Buergel

Lebenslinien

Workshop im Johann Jacobs Museum mit Walter Riedweg und SchĂŒler_innen, 2020.

Im Anfang war der Lockdown. Die Schulen wurden geschlossen, die Museen auch. Über Nacht galt es die digitale Transformation zu bewĂ€ltigen. Einigermassen euphemistisch hiess das Ganze „Online Learning“, entpuppte sich aber eher als Mix von technischen Gebrechen und Gesichtern auf dem Bildschirm, die selten verrieten, was sie wirklich taten und dachten. Diese Rahmenbedingungen galten auch fĂŒr den Unterricht einer Integrationsklasse aus Volketswil (Kanton ZĂŒrich). Mit dem Unterschied, dass ihr Lehrer ein KĂŒnstler ist. Statt den Versuch zu machen, das analoge Schulformat 1:1 in den digitalen Raum zu ĂŒbersetzen, und dabei mehr oder weniger Schiffbruch zu erleiden, beschlossen der KĂŒnstlerlehrer und seine SchĂŒler_innen die Möglichkeiten des digitalen Raumes zu erkunden und zu erproben. Die SchĂŒler_innen sind alle digital natives. Sie gingen dem KĂŒnstlerlehrer gern zur Hand und offenbarten dabei ihre Expertise fĂŒr virtuelle Welten, die Erwachsenen hĂ€ufig verschlossen sind und die auch nie im Schulunterricht auftauchen. So entstand ein alternatives „Online Learning“, bei dem nicht klar war, wer von wem lernte: die SchĂŒler_innen vom KĂŒnstlerlehrer oder umgekehrt. Mit von der Partie war das Johann Jacobs Museum. In der guten alten Zeit hatte der KĂŒnstlerlehrer das Museum mit seiner Klasse oft besucht. Es gibt dort jede Menge eigenartiger Dinge, ĂŒber die man gut reden kann mit Jugendlichen, die als GeflĂŒchtete oder Einwander_innen in der Schweiz leben, die der deutschen Sprache nicht ganz mĂ€chtig sind, und die noch dazu ganz unterschiedliche kulturelle  Voraussetzungen und Erwartungen mitbringen. Das kleine Museum am Seefeldquai ist ein geschĂŒtzter Ort. Ihm fehlt die AutoritĂ€t einer staatlichen Institution. Man darf hier auch trĂ€umen.

Abstrakte kartografische Übung aus dem Workshop mit Walter Riedweg und SchĂŒler_innen im Johann Jacobs Museum, 2020.

Im Lockdown wandte sich der KĂŒnstlerlehrer Walter Riedweg erneut an das Museum. Das lag nicht nur an der erwĂ€hnten Vorgeschichte und daran, dass Riedweg gerade im Museum ausstellte – als Teil des schweizerisch-brasilianischen KĂŒnstlerduos Dias & Riedweg. Es gab noch einen dritten Grund. Den digitalen Raum mit der Klasse gemeinsam zu erkunden, ist ja ganz schön. Doch man braucht auch ein Ziel, allein um zu wissen, ab welchem Punkt man in die Irre geht. Das Ziel sollte heissen: Lebenslinien. Es sollte darum gehen, den oftmals verschlungenen Pfaden der eigenen Existenz zu folgen, also die Geschichte zurĂŒckzudrehen, um die Frage zu beantworten: Wo komme ich eigentlich her? HĂ€tte man auch ein anderes Ziel oder Thema wĂ€hlen können als „Lebenslinien“? Vielleicht, aber die SchĂŒler_innen wollten es so. Und das Museum wollte es auch, schliesslich ist die Geschichte der globalen Handelswege sein Leitthema. Und was sind die globalen Handelswege anderes als die Lebenslinien der Menschheit? „Weg-zurĂŒck-da“ lautet der Name des Schulprojekts, das seit 2020 lĂ€uft und auch in Zukunft weitergefĂŒhrt wird.

Dias & Riedweg, “weg-zurĂŒck-da”, 2020. Mit freundlicher Genehmigung der KĂŒnstler.

Es wird betreut von Dias & Riedweg und besteht aus Episoden, bei denen jeweils einzelne SchĂŒler_innen zu Wort kommen. Die Episoden werden auf der Website des Johann Jacobs Museum veröffentlicht. Einige werden innerhalb der Ausstellung „Lebenslinien“ gezeigt, ebenso wie ein Film, der die kĂŒnstlerische Methode des „Online Learning“ vorstellt.

"Weg-zurĂŒck-da"

„Because background characters, they never stick out.“, (Standbild), Drehbuch, 5:37 Min., 2020.

Die Lebenslinien, die „Weg-zurĂŒck-da“ ins Bild setzt, sind zarter Natur. Sie stammen von Jugendlichen, die zwar einiges erlebt haben, darunter Fluchtgeschichten, die aus Afghanistan ĂŒber den Iran durch die TĂŒrkei, ĂŒber den Balkan bis in die Schweiz fĂŒhren, um in der Schweiz abgelöst zu werden durch die Irrungen und Wirrungen der Behördenwege. Diese Linien sind trotz aller existentiellen HĂ€rten aber fein gezeichnet. Es geht nicht darum zu schockieren oder Mitleid zu wecken. Die SchĂŒler_innen sind keine Opfer, sondern sie gestalten: sie ziehen ihre Linien selbst, wenn auch in kĂŒnstlerischer Begleitung. In diesem Sinne sollte auch die Ausstellung „Lebenslinien“ verstanden werden. Sie begleitet „Weg-zurĂŒck-da“, indem sie die digital produzierten Episoden einbettet in einen Zusammenhang von kĂŒnstlerischen Werken, die auf die eine oder andere Weise „Lebenslinien“ adressieren. Dieser Zusammenhang aber muss physisch erfahren werden, als Raumerlebnis – eben als Ausstellung.

Deutlich wird dieser Zusammenhang schon bei Betreten der Galerie: Zu einzelnen Episoden aus „Weg-zurĂŒck-da“ auf dem Bildschirm treten Zeichnungen von Ishita Chakraborty. „Zeichnung“ kann vielerlei bedeuten; fĂŒr „Zwischen I between I àŠźàŠ§#àŠŹàŠ€à§€’“ benutzt die KĂŒnstlerin keinen Stift oder Ă€hnliches GerĂ€t, sondern bearbeitet die OberflĂ€che des Papiers mit einem Skalpell.

Werkdetail, Ishita Chakraborty, Zwischen I between I àŠźàŠ§à§àŠŻàŠŹàŠ°à§àŠ€à§€, Zeichnungen auf Papier, 2020-2021. Mit freundlicher Genehmigung der KĂŒnstlerin.

Die Spur des Skalpells und das Material gehen dabei eine untrennbare Einheit ein, die das Auge in Ă€hnlicher Weise ertasten oder „lesen“ kann wie der Finger die Blindenschrift. Diese Zeichnungen sind Protokolle oder Resultate eines intensiven Zuhörens der KĂŒnstlerin. Wie ein Seismograf registriert Chakraborty die oft untergrĂŒndige emotionale IntensitĂ€t von ErzĂ€hlungen, die von Flucht und Exil handeln. Sie hört Menschen zu, bringt aber weniger den manifesten Inhalt der ErzĂ€hlungen zu Papier, als deren seelische Stimmung, einschliesslich all dessen, was ungesagt bleibt.

Giulio Bensasson, Non so dove, non so quando (I do not know where, I do not know when), Diapositiven und Diabetrachtern, 2016-2021. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung des KĂŒnstlers.

Als formaler Kontrast zu Chakrabortys minimalistischen Protokollen erstrecken sich die leuchtend-bunten Mikrokosmen von Giulio Bensasson ĂŒber die Wand. Die Bezeichnung „Mikro“ trifft die Installation mit dem Titel „Non so dove, non so quando (I do not know where, I do not know when)“ noch in weiterer Hinsicht, denn es sind Mikroben, die diese Bilder erzeugen. Das Ausgangsmaterial, die Fotos, hat der KĂŒnstler auf FlohmĂ€rkten oder in Antiquariaten erworben.

 

Giulio Bensasson, Non so dove, non so quando (I do not know where, I do not know when), Diapositiv, 2016-2021. Mit freundlicher Genehmigung des KĂŒnstlers. Foto: Axel Crettenand.

 

Es gibt, wie wir wissen, unzĂ€hlige Bilder, die Menschen etwas bedeuten. Diese Bilder sind sorgfĂ€ltig abgespeichert, sei es in Fotoalben oder auf dem Smartphone. Es gibt aber eine noch viel grössere Anzahl von Bildern, die niemandem mehr etwas bedeuten. Bilder, die gewissermassen aus der Welt gefallen sind. Bensasson nimmt sich dieser Waisenbilder an. Er adoptiert sie, indem er sie dem chemisch-biologischen Spiel der Mikroben ĂŒberantwortet. Im vordigitalen Zeitalter, manche_r mag sich noch erinnern, nannte man die fotografische Bildgewinnung im Labor „Entwicklung“. Darum geht es auch hier: um einen evolutionĂ€ren Prozess, ein zweites Leben gewissermassen, das allerdings nicht mehr das Leben der Menschen ist.

Werkdetail von Maja Bajevic, Arts, Crafts and Facts (Teppich), Wolle, 2015. Sammlung Johann Jacobs Museum.

Der Teppich auf dem Boden stammt aus einer bosnischen Textilfabrik und wurde von Maja Bajevic entworfen. Dieser Teppich gehört in eine Werkgruppe („Arts, Crafts and Facts“) zusammen mit den Stoffbildern von Bajevic, die im Nebenraum hĂ€ngen. Diesen Stoffbildern sind Diagramme aufgestickt, die Preiswentwicklungen von GĂŒtern des tĂ€glichen Bedarfs oder auch Marktindizes zeigen.

Werkdetail, Maja Bajevic, Arts, Crafts, and Facts (Rice, Corn, Wheat), Stickerei auf Baumwolle, 2015. Sammlung Johann Jacobs Museum. Foto: Axel Crettenand.

Werkdetail von Maja Bajevic, Arts, Crafts and Facts (Teppich), Wolle, 2015. Sammlung Johann Jacobs Museum.

Im Unterschied zu den Stoffbildern abstrahiert das Teppichmuster von jeder Referenz. Wir erkennen zwar Charts, erfahren aber nicht, um welche GĂŒter oder Formen von Preisschwankungen es geht. Dabei stellt sich die Frage – und wie gut passt diese Frage an einen Bankenplatz wie ZĂŒrich! –, ob MĂ€rkte natĂŒrliche PhĂ€nomene darstellen. Lassen sich MĂ€rkte in der gleichen Weise studieren und berechnen wie beispielsweise die Gravitation oder folgen sie anderen Mustern? Die Frage des Naturalismus der Teppichmuster hat ĂŒbrigens eine lange Geschichte. Die VirtuositĂ€t orientalischer Teppichmuster erweist sich an ihrem Vermögen, natĂŒrliche PhĂ€nomene (wie Vögel oder Zypressen und dergleichen mehr) bis zur Unkenntlichkeit, aber eben nicht völlig zu abstrahieren. Der Teppich im Johann Jacobs Museum erlaubt den kuratorischen Fingerzeig auf einen anderen Teppich, der heute im Weissen Haus lagert.

Werkdetail, Joana Hadjithomas and Khalil Joreige, A Carpet, 2017. Mit freundlicher Genehmigung der KĂŒnstler.

Es geht dabei weniger um den Teppich selbst als um die unglaubliche Geschichte, die ihm gewissermassen eingewoben ist. Diese Geschichte trug sich vor rund 100 Jahren zu. Damals grĂŒndete der schweizerische Missionar und Arzt Jakob KĂŒnzler, ein gebĂŒrtiger Appenzeller, zusammen mit seiner Frau Elisabeth Bender (der Enkelin einer Ă€thiopischen Prinzessin) eine Teppichmanufaktur in Ghazir (im heutigen Libanon). Bei der GrĂŒndung der Teppichmanufaktur ging es um das, was heute „Hilfe zur Selbsthilfe“ heisst. Die KĂŒnzlers wollten armenischen Waisenkindern mit diesem Betrieb eine Existenz ermöglichen, nachdem sie 1922 mit 8000 Waisen im Schlepptau aus der TĂŒrkei geflohen waren.

Joana Hadjithomas and Khalil Joreige, A Carpet, 2017. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung der KĂŒnstler.

Zuvor hatten die KĂŒnzlers 20 Jahre in einem kleinen Missionsspital in Urfa (in der heutigen SĂŒdosttĂŒrkei) gearbeitet. Sie waren bestens integriert in die dortige multiethnische Gesellschaft aus TĂŒrk_innen, Armenier_innen, Kurd_innen, Griech_innen und Syrer_innen. Umso aufmerksamer registrierten sie das Aufkommen nationalpopulistischer Propaganda seitens der neuen tĂŒrkischen Herrscher. Ab 1915 begannen „ethnische SĂ€uberungen“, in deren Folge rund 1 Million Armenier_innen ermordet wurden. KĂŒnzler hat diese Ereignisse, die er aus nĂ€chster NĂ€he miterlebte, in einem bewegenden Buch festgehalten: „Im Lande des Blutes und der TrĂ€nen. Erlebnisse in Mesopotamien wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs (1914–1918)“. Dieses Buch liegt in der Ausstellung auf. Als Dank fĂŒr US-amerikanische humanitĂ€re UnterstĂŒtzung knĂŒpften KĂŒnzlers Waisenkinder 1925 einen Teppich, den sie dem damaligen PrĂ€sidenten Coolidge zum Geschenk machten. Heute ist dieser Teppich, an dem 400 MĂ€dchen ĂŒber 18 Monate arbeiteten, im Weissen Haus eingelagert. Trotzdem er den Blicken der Öffentlichkeit entzogen ist, fĂŒhrt dieser Teppich aber eine Art Eigenleben – in Gestalt eines kĂŒnstlerischen Projekts von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige: „A Carpet (a documentation)“.

Auf der „Evakuierungskarte“, auf der Pfeile die Fluchtrichtung der KĂŒnzlers und ihrer Waisen anzeigen, kreuzen sich die Wege der GeflĂŒchteten von damals mit den GeflĂŒchteten von heute – GeflĂŒchteten des syrischen BĂŒrgerkriegs, von denen einige die Integrationsklasse in Volketswil besuchen und an „Weg-zurĂŒck-da“ teilnehmen …

Werkdetail, Axel Crettenand, A Brief Aerial Study I, 2020. Mit freundlicher Genehmigung des KĂŒnstlers.

Weniger die konkreten Wege als die abstrakten Wegenetze studiert Axel Crettenand in „A Brief Aerial Study 1“ vor. Die fotografischen Aufnahmen entstanden mit Hilfe von Google Earth-Technologie und dienen dem Vergleich. Sie kontrastieren die nahezu unbeschriebene Weite Sibiriens mit der rasterförmigen US-amerikanische Stadtlandschaft samt deren landwirtschaftlicher NutzflĂ€chen. Nun lĂ€ge es auf der Hand, die menschenleere Naturlandschaft zu romantisieren und sich voll Schauder von der durchrationalisierten Erde abzuwenden. TatsĂ€chlich haben KĂŒnstler_innen seit Beginn der Moderne genau das getan, um auf diesen plumpen Gegensatz ein einigermassen ertrĂ€gliches GeschĂ€ftsmodell zu grĂŒnden (es kann doch kein Zufall sein, dass Fabrikanten mit Vorliebe Impressionisten sammeln). TatsĂ€chlich aber gehören beide Visionen zusammen wie Pech und Schwefel. Die Idee vom „unbeschriebenen Blatt“ ist von der Idee der „Schrift“ nicht zu trennen oder, mehr ökologisch gewendet, der Mensch wird seine eigene PrĂ€senz auf dem Planeten nicht so ohne weiteres los.

Der Galerieraum zur Rechten wird bestimmt durch eine minimalistische Skulptur aus drei identischen oder, besser, identisch deformierten Eisenstangen. Doch halt!, was wir als Skulptur erkennen – wohl einfach deshalb, weil wir uns in einem Museum befinden – ist etwas anderes.

 

Ai Weiwei begab sich 2008 als politischer Aktivist in die chinesische Provinz Sichuan. Dort hatte sich ein verheerendes Erdbeben ereignet, bei dem in erster Linie SchulgebĂ€ude eingestĂŒrzt waren, die Tausende von Kindern unter sich begruben. WĂ€hrend die Behörden das Ganze zu verschleiern suchten, beteiligte Ai sich an einer AufklĂ€rungskampagne. Bei der kam heraus, dass manche FunktionĂ€re Gelder, die fĂŒr den Bau der SchulgebĂ€ude bestimmt waren, in die eigenen Taschen geleitet hatten. In Sichuan sprach man von „Tofu-Architektur“

Werkdetail, Ai Wei Wei, Rebar 41, 2 Armierungseisen mit je ca. 1m LĂ€nge. Mit freundlicher Genehmigung AWW Studio.

Bei seiner Besichtigung der TrĂŒmmergrundstĂŒcke stiess Ai auf die bizarr verformten, viel zu dĂŒnnen Armierungseisen, deren Zweck es gewesen wĂ€re dem Beton StabilitĂ€t zu verleihen. Ai nahm einige der Eisen an sich, so wie ein Kind Stöcke im Wald mitnimmt: fasziniert zwar, aber ohne Hintergedanken. Mit der Zeit erst wurde ihm klar, was die Eisen bedeuteten. Sie waren BeweisstĂŒcke fĂŒr die Korruption, klar, sie hatten also symbolischen Wert. Zugleich wohnte ihnen eine sonderbare Ă€sthetische Kraft inne. Sie sprachen nicht nur von der Katastrophe; sie sprachen auch von sich. Ihre seltsamen Biegungen erinnerten vage an Kalligrafie. Nur dass diese Kalligrafie nicht von Menschenhand stammte, sondern Ausdruck der Naturgewalt ist. Ai hĂ€tte es makaber gefunden die Armierungseisen, die er in den TrĂŒmmern der SchulgebĂ€ude auflas, als Kunstwerke auszustellen. Die Armierungseisen nicht zu zeigen und somit den Menschen die Erfahrung vorzuenthalten, wĂ€re ebenfalls nicht in Frage gekommen. Was also war zu tun?

Werkdetail, Ai Wei Wei, Rebar 41, 2 Armierungseisen mit je ca. 1m LĂ€nge. Mit freundlicher Genehmigung AWW Studio.

Der KĂŒnstler entschied sich die Eisen, so wie die Natur sie geformt hatte, von Menschen nachbiegen zu lassen, und das drei Mal. Eine blosse Verdoppelung hĂ€tte es nicht gebracht. Dann wĂ€ren die Betrachter_innen steckengeblieben bei der Frage, was denn nun das Original ist und was die Nachbildung. Die Multiplikation der StĂŒcke hĂ€tte es ebenfalls nicht gebracht. QuantitĂ€t hĂ€tte den Einzelcharakter des Armierungseisens relativiert und damit das verbrecherische Geschehen banalisiert. Zu der minimalistischen Skulptur, die keine sein will, treten ein Dokumentarfilm ĂŒber das Erdbeben in Sichuan und die Aufnahme einer Buddhafigur der Nördlichen Qi (China, Mitte des 6. Jahrhunderts), bei der die feinen Linien des Gewands ins Auge fallen.

Nördliche Qi-Buddha-Figur, China, Mitte des 6. Jahrhunderts. Sammlung DKM.