Ausstellung

Gonzalo DĂ­az: Terras do sem fim

26.4.2016 bis 10.7.2016 | Johann Jacobs Museum

Der chilenische KĂŒnstler Gonzalo DĂ­az zitiert mit Terras do sem fim (Von der Gewalt der Geschichte) einen Romantitel von 1943 des brasilianischen Schriftstellers Jorge Amado, der auf packende Weise die GewaltverhĂ€ltnisse auf den Kakaoplantagen beschreibt. Daneben bezieht sich DĂ­az auf die erklĂ€rte Programmatik des Johann Jacobs Museums, das am Leitfaden von Rohstoffen wie Kaffee und Kakao die Kunstgeschichte als globale Geschichte wirtschaftlicher, kultureller und politischer Verflechtungen begreift.

DĂ­az rechnet nicht zu der Sorte KĂŒnstler, die sich im Auswalzen der sozialen Misere ergehen (und damit ihr Werk auffetten), sondern adressiert die soziale Misere beziehungsweise deren Ursachen auf grundlegende Weise: Was bedeutet eigentlich „einen Horizont zu ĂŒberschreiten“? – sei es im Sinne der geistigen Weiterentwicklung, im Sinne der Erschliessung neuer Ressourcen, im Sinne der Eroberung ferner LĂ€nder? Und wo verlĂ€uft die Trennlinie zwischen Erweiterung und Übergriff?

All diese Fragen sind relevant – fĂŒr das VerstĂ€ndnis der unbĂ€ndigen Energie, die im Profitstreben steckt, zur Regelung des zwischenmenschlichen Umgangs sowie zur Herstellung einer ökologischen Balance zwischen Mensch und Umwelt.

Veranstaltungsprogramm

Ein Buch wird seziert. KĂŒnstler können so etwas tun: ein Buch auseinanderzunehmen, wie ein Anatom einen Körper zerlegt. TatsĂ€chlich geht es auch hier darum Schichten freizulegen, Bedeutungsschichten, um dorthin vorzudringen, wo sich der Bauplan zeigt.

Bei dem Buch handelt es ist nicht um irgendein Buch, sondern um den Roman Terras do sem fim – ein Klassiker der lateinamerikanischen Literatur. Im Jahre 1943, als er diesen Roman verfasste, war der brasilianische Schriftsteller Jorge Amado noch bekennender Kommunist.

Der Roman behandelt die wirtschaftlichen und sozialen Verstrickungen rund um IlhĂ©us, einer Hafenstadt im Nordosten Brasiliens. Dieses saftige StĂŒck Land war fĂŒr den Anbau von Kakao besonders fruchtbar und dementsprechend hart umkĂ€mpft. Amado schildert den blutigen Krieg zweier Clans, die sich in ihrer Gier nach lukrativen GeschĂ€ften nahezu gegenseitig ausrotten. Die brutalen AuswĂŒchse des kapitalistischen Urtriebs werden in Terras do sem fim mit glĂŒhenden Leidenschaften gespickt. Zwischen dem ebenso brillanten wie korrupten Anwalt, der die juristischen DeckmĂ€ntelchen fĂŒr die Verbrechen strickt, und der bildhĂŒbschen, viel zu jungen Ehefrau des skrupellosesten aller Kakaobarone entzĂŒndet sich eine Liebesbeziehung, die im Verlauf des Romans beiden das Leben kosten wird.

Wie kommt Gonzalo DĂ­az dazu, dieses Buch in seine Bestandteile zu zerlegen, Seite um Seite einzeln einzurahmen, um die gerahmten Buchseiten auf Augenhöhe entlang der GaleriewĂ€nde dicht an dicht aufzureihen? (TatsĂ€chlich verwendet DĂ­az zwei identische Ausgaben, damit keine Seite, ob gerade oder ungerade, ausgespart bleibt; es geht dem KĂŒnstler um das Ganze). Was soll diese eigenartig aufgerĂ€umte, abgezirkelte, ja fast blutleere Form, die dem wilden Treiben in Terras do sem fim merkwĂŒrdig Ă€usserlich zu bleiben scheint?

Nicht alles, was Kunstwerke tun, lĂ€sst sich sprachlich auflösen oder in Bedeutung ĂŒberfĂŒhren. Klar ist aber, dass sich DĂ­az ein StĂŒck weit von seiner Referenz, von Amados Roman losmacht, um das Buch als skulpturales Rohmaterial einsetzen zu können. Die Buchseiten werden in eine einfache, aber umso einprĂ€gsamere Figur ĂŒberfĂŒhrt: die Horizontlinie.

Diese Linie ist entscheidend; sie ist eine SchlĂŒsselfigur der kolonialen Imagination. Die langen Monate auf dem Schiff zehren die GemĂŒter aus. Das Meer mutet unendlich an, nichts zeigt sich. Allein die Gier und Verzweiflung befördern die Fahrt – bis es schliesslich am Horizont auftaucht: das gelobte Land, wo die EuropĂ€er Gold und exotische SchĂ€tze witterten und tatsĂ€chlich fanden. Die Horizontlinie ist die Schwelle, die es zu ĂŒberschreiten gilt. Sie erscheint unmittelbar und konkret (davon zeugen so viele hollĂ€ndische GemĂ€lde des „Goldenen Zeitalters“), weicht aber stets zurĂŒck und droht mit elendem Verrecken.

Gonzalo DĂ­az, geboren 1943 in Santiago de Chile, ist ein Konzeptualist, also ein KĂŒnstler, dem es bei aller sinnlichen PrĂ€gnanz seiner Arbeit um die prĂ€zise Fassung einer Idee geht. Das Abstraktionsniveau ist hoch, doch, wie gesagt, die Horizontlinie ist keine blosse Abstraktion. Sie ist ultrakonkret, so wie auch jemand auf die Idee gekommen sein muss, den Seeweg nach Indien zu suchen, das Gold der Azteken zu stehlen und den Urwald umzuholzen, auf dessen fruchtbarem Grund der beste aller Kakaos gedeihen wird.

DĂ­az hat Chile nie verlassen und daher ab 1973 die bleiernen Jahre der chilenischen Diktatur erlebt, die eine Ausgeburt der US-amerikanischen Wirtschaftsinteressen in ihrem selbst deklarierten Hinterhof war. Die chilenische Kritikerin Nelly Richards hat die traumatisierenden Auswirkungen des mörderischen Regimes als „Krise des VerstĂ€ndnisvermögens“ beschrieben. Die Diktatur zersetzt die feinen Netze der menschlichen Kommunikation; sie stiftet Sprachlosigkeit und Isolation (so wĂŒnscht sie sich ihre Untertanen). Auch vor diesem Hintergrund lĂ€sst sich die Zerlegung des Buches begreifen: als Arbeit an der Sprache (im weitesten Sinne).

Terras do sem fim, in der Fassung von Gonzalo DĂ­az, erinnert daran, dass die Wirklichkeit ihrer Darstellung Grenzen setzt – gerade dort, wo es um Gewalt geht. Diesseits der Horizontlinie liegt das packende Geschehen: das Waten im Kakaoschleim, der heimtĂŒckische Mord, der Wahlbetrug und die gekaufte Presse. Jenseits der Horizontlinie beginnt, was sich der ReprĂ€sentation entzieht, aber dennoch auf uns einwirkt: das Trauma der Geschichte.

 

Terras do sem fim von Gonzalo DĂ­az ist eine Kommission des Johann Jacobs Museums.